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Der moderne Yoga

Kulturelle Transferprozesse zwischen West und Ost sind in Bezug zum Yoga schon für das 19. Jahrhundert in Indien feststellbar und lassen westliche Vorstellungen von einem alten, authentisch-indischen Yoga als fragwürdig erscheinen.
So erweist sich die Annahme einer jahrtausendealten, von Meisterlinien übermittelten, authentischen indischen Yogatradition als fiktionale Konstruktion moderner Yogaschulen.

Stand schon die Entwicklung des indischen Hatha-Yoga des 13.-15. Jahrhunderts in keiner Kontinuität zur Epoche des klassischen Yoga, so formte sich unter dem Einfluss der britischen Kolonialherrschaft im Indien des 19. Jahrhunderts eine neue Yogarichtung die sich als Kombination west-östlicher Einflüsse und kultureller Transfers verstehen lässt.

Erst durch den Einfluss der britischen Kolonialpolitik in Indien entstand eine Rückbesinnung westlich gebildeter indischer Oberschichten auf ihr altes Kulturgut. Dies führte zu einer Wiederentdeckung des Yoga, welcher jedoch nun rational und wissenschaftlich rezipiert wurde.
So entwickelte sich schon in Indien selber ein medizinisch-physiologisch orientierter Yogastil der sich mit gymnastischen Elementen des britischen Militärs, westlichen okkult-esoterischen Vorstellungen zurückkehrender weltreisender Inder und neo-hinduistischen Elementen nationaler Reformbewegungen verband und zu einem kreativen Konstrukt verschiedenster Einflüsse wurde.

Neben kulturellen Elementen waren es jedoch auch schöpferische Entwicklungen erster indischer Yogaschulen des 19. und 20. Jahrhunderts die den sehr körperorientierten Charakter dieses modernen Yogastils formten und dann in den Westen brachten.
Dort traf dieser moderne `Yoga` auf ein an der indischen Klassik orientiertes geisteswissenschaftlich-esoterisches Yogaverständnis, welches rein körperorientierten Yogaformen ablehnend gegenüberstand. Die gute Bindungsfähigkeit dieses modernen `Hatha-Yoga` mit den aufkommenden Gesundheits- und Sportbewegungen und die Nähe zu den physiologisch ausgerichteten Anforderungen der Träger öffentlicher Weiterbildungsangebote setze sich jedoch gegenüber den klassisch orientierten Yogarezeptionen im Verlauf des 20. Jahrhunderts durch.

Die heutige Yogaszenerie stellt einen sehr heterogenen Raum von unterschiedlichen Yogastilen- und Schulen, Mode- und Lifestyle-Produkten, Kunst, Literatur, Bekleidungs- und Dienstleistungsangeboten dar, der viele Lebensbereiche des Menschen umspannt.
Neben klassischen und traditionell orientierten Yogarichtungen entstehen seit Mitte der 1990er Jahre zunehmend Trend-Yogaformen, die Yogatechniken mit anderen lebensweltlichen Aspekten kombinieren (z.B. Aromayoga, Lachyoga, Hormonyoga, Acroyoga u.ä.).
Yoga als Massenbewegung und kommerzielle Mode ist mit 4-5 Millionen Praktizierenden in Deutschland (USA: 20-25 Millionen) und einem Jahresumsatz von 500 Millionen € (USA: 6-10 Milliarden $) zu einem ernstzunehmenden Wirtschaftsfaktor geworden (Daten von 2014).

Die populäre Marktorientierung des modernen Yoga scheint in einem deutlichen Gegensatz zu der klassischen Yoga-Philosophie einer asketischen, weltverneinenden Methode zu stehen: „ [...] vielen, neu eröffneten Yogaschulen und Yogakurse offerierenden Fitness-Studios geht es primär um das Outfit, die Form und die Atmosphäre. Das Ergebnis mag sexy sein, aber es ist allzu oft komplett inhaltsleer. Ein Agieren ohne ethische Basis und ohne Ziel.“ (Tietke S.98)

Christian Fuchs vom BDY Institut für Yogaforschung sieht einen Großteil der Yogapraktizierenden nur „ [...] an der Verbesserung ihrer physischen und psychischen Leistungsfähigkeit interessiert. Salopp ausgedrückt: Muskeln und Ego sollen dank Yoga wachsen.“ (Fuchs: Anmerkungen zur Geschichte und Gegenwart des Yoga in Deutschland)

Aufgrund der Negation der spirituellen Dimensionen konstatiert Fuchs eine konsequente Säkularisierung des Yoga in der modernen Gesellschaft, die jedoch auch durch eine gegenläufige Bewegung von langjährigen Praktizierenden hin zu ernsthafteren Suchen nach Selbst- und Seinserfahrungen geprägt sei.

Literatur:

Fuchs, Christian: Yoga in Deutschland. Rezeption, Organisation, Typologie. Stuttgart, Kohlhammer, 1990 (zugleich Dissertation Eberhard-Karls-Universität Tübingen 1989)

Fuchs, Christian: Anmerkungen zur Geschichte und Gegenwart des Yoga in Deutschland. In: http://www.yoga-akademie.de/YoInDeutsch.html, (Stand: 26.02.2014 15:45 Uhr)

Schnäbele, Verena: Yogapraxis und Gesellschaft. Eine Analyse der Transformations- und Subjektivierungsprozesse durch die Körperpraxis des modernen Yoga. Hamburg, Verlag Dr. Kova─Ź, 2009 (zugleich Dissertation Universität Hamburg 2009)

Tietke, Mathias: Yoga Kontrovers. Zehn populäre Irrtümer in Bezug auf Yoga. Hamburg, Phänomen-Verlag, 2013


Yoga Viya e.V.: Yoga als Wirtschaftsfaktor. In: http://wiki.yoga-vidya.de/ Yoga_als_Wirtschaftsfaktor, (Stand: 26.02.2014 15:40 Uhr)
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